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Papst Benedikt XVI. hat sich am Abend überraschend mit einer Gruppe von Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester und kirchliche Mitarbeiter getroffen. Das Treffen habe im Erfurter Priesterseminar stattgefunden, hieß es in einer von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Erklärung des Vatikan.
Wie der Generalkoordinator der Papst-Reise durch Deutschland, Hans Langendörfer, dauerte das Gespräch eine halbe Stunde. Es seien dabei insgesamt fünf Missbrauchsopfer mit dem Papst zusammengekommen, drei Männer und zwei Frauen. Im Anschluss habe der Papst mit ebenfalls fünf Menschen gesprochen, die sich um Missbrauchsopfer kümmern. Der Papst habe den Anwesenden versichert, dass den Verantwortlichen in der Kirche an der Aufarbeitung aller Missbrauchsdelikte gelegen sei, hieß es in einer Erklärung. Sie seien darum bemüht, wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu fördern.
Das Treffen gehörte nicht zum offiziellen Besuchsprogramm des Papstes in Deutschland, das heute mit einem Gottesdienst auf dem Erfurter Domplatz und der Weiterreise von Benedikt XVI. nach Freiburg fortgesetzt wird. Der Missbrauchsskandal hatte die katholische Kirche in Deutschland im vergangenen Jahr erschüttert. In der Folge des Skandals traten zehntausende mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus als in früheren Jahren.
Zuvor hatten Missbrauchsopfer in Erfurt mit einer Mahnwache eine weitere Aufarbeitung von sexuellen Vergehen katholischer Priester gefordert. Seit dem Skandal im vergangenen Jahr habe sich nichts geändert, sagte Teilnehmer Wilfried Fesselmann von der internationalen Organisation Snap, der nach eigenen Angaben 12.000 Missbrauchsopfer angehören.
[Bildunterschrift: Der Papst wurde von Zehntausenden Pilgern begrüßt. ]
Zuvor hatte der Papst zu den Klängen eigens für diesen Anlass komponierter Chormusik nahe der Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld mit Zehntausenden Gläubigen eine Marienvesper gefeiert. Nach Angaben der Veranstalter hatten sich dort schon am Nachmittag rund 90.000 Pilger auf dem Feld an der Kapelle versammelt. So viele Pilger habe der kleine thüringische Ort noch nicht gesehen, sagte der Erfurter Bischof Joachim Wanke bei der Begrüßung des Papstes.
An dem Gottesdienst im Sonnenuntergang nahmen auch Bundespräsident Christian Wulff und Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht teil. In seiner Ansprache betonte der Papst die Bedeutung der Marienverehrung. Die Mutter Gottes schenke Vertrauen und neue Kraft. Die Menschen könnten auf ihre Fürsprache vertrauen.
Um den Ansturm der Besucher zu bewältigen, war eigens ein kilometerlanger Abschnitt der Autobahn A38 zu einem Busparkplatz umfunktioniert worden. Die Gläubigen müssen die letzten Kilometer bis zur Kapelle zu Fuß zurücklegen. Der Besuch im Eichsfeld wird als Würdigung der Katholiken im Osten und vor allem in der Region des Dreiländerecks Nordthüringen, Hessen und Niedersachsen gewertet. Das Thüringer Eichsfeld hatte sich auch zu DDR-Zeiten seine volkskirchliche Prägung erhalten. Mehr als zwei Drittel der Einwohner sind katholisch. Am späten Abend wird Benedikt XVI. in Erfurt zurückerwartet, wo er im Priesterseminar übernachtet.
Am Morgen hatte der Papst der Forderung nach schnellen Fortschritten in der Ökumene eine Absage erteilt. Beim Gespräch mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Erfurt sagte der Papst nach Angaben des Vatikans: "Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind."
Bundeskanzlerin Angela Merkel sah das Treffen des Papstes mit den Vertretern der Evangelischen Kirche indes als deutliches Zeichen für die Gemeinsamkeiten der Christen. "Ich finde, alleine die Tatsache, dass es diese ökumenische Andacht gegeben hat, ist ja ein Bekenntnis zur Ökumene", sagte sie.
Auf den Wunsch kirchlicher Reformgruppen und der EKD, gemeinsame Eucharistiefeiern mit Abendmahl von Katholiken und Protestanten zuzulassen, ging der Papst gar nicht ein. Stattdessen verwies er darauf, dass der christliche Glaube in Deutschland immer mehr an den Rand gedrängt werde. Die Bewahrung des Glaubens sei die wichtigste gemeinsame Aufgabe der getrennten christlichen Konfessionen, sagt er und fügte hinzu: "Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt."
Benedikt erinnerte an die "Märtyrer der Nazizeit". Sie hätten mit ihrem Zeugnis die christlichen Kirchen näher zusammengeführt. "So ist auch heute der in einer säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen."
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, wertete das Treffen mit dem Papst zwar als wichtiges Signal für die Ökumene. Andererseits seien aber wichtige Fragen ungeklärt geblieben. "Unser Herz brennt nach mehr", sagte Schneider. Der EKD-Vorsitzende steht an der Spitze von 24 Millionen Protestanten in Deutschland. Die Zahl der Katholiken ist etwa gleich groß.
Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) bedauerte, dass der Papst in Erfurt nicht auf die 500-Jahr-Feier der Reformation 2017 eingegangen ist. "Der Papst hat sich bei dem heutigen Gespräch leider nicht konkret zum Reformationsjubiläum geäußert", sagte der Leitende Bischof der VELKD, Johannes Friedrich. Für die Ökumene in Deutschland sei das Thema allerdings unverzichtbar.
Die zwei großen theologischen Hürden für eine Annäherung der beiden großen Kirchen liegen im Abendmahl und in der gegenseitigen Anerkennung der Geistlichen. Die katholische Kirche lässt Protestanten nicht zur Kommunion zu und untersagt Katholiken die Teilnahme am evangelischen Abendmahl, außerdem akzeptiert sie keine evangelischen Pfarrer. Die evangelische Kirche ist in diesen beiden Punkten offener.
Zuvor war der Papst in der Landeshauptstadt Erfurt von der thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht begrüßt worden. Da der Tag im Zeichen der Ökumene steht, überreichte die Protestantin Benedikt XVI. ihre 1982 verfasste Diplomarbeit zu diesem Thema. "Mir liegt die Ökumene sehr am Herzen", begründete Lieberknecht ihr ungewöhnliches Gastgeschenk.
Nach einer Besichtigung des Mariensdoms der Stadt besuchte der Papst das Erfurter Augustinerkloster, in dem Martin Luther vor 500 Jahren als Mönch gelebt hatte. Gemeinsam mit Protestanten feierte er anschließend einen Gottesdienst.
Der Tag des Pontifex' hatte bereits um 07.15 Uhr mit einer Privatmesse in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur in Berlin begonnen. Anschließend traf Benedikt XVI. Vertreter des Islam. Im Mittelpunkt des Gesprächs in der Botschaft des Vatikans stand das Verhältnis zwischen Christentum und Islam. Zu dem Treffen waren unter anderem der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sowie Mitglieder der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) eingeladen.
Muslime gehören für Papst Benedikt XVI. längst zur bundesdeutschen Realität. "Die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien ist seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden", sagte er. Der Papst rief dazu auf, "beständig daran zu arbeiten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen". Nötig seien Dialog und gegenseitigen Wertschätzung.
Mazyek dankte dem Papst dafür, dass er in aller Deutlichkeit diesem Dialog einen solchen Stellenwert einräume. Das sei ein "wichtiges und wohltuendes Zeichen" gewesen.
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